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Mooses Mentula : Die Fabrik

Buchbesprechung von Frank Rehag, Oktober 2026

dt. Erstausgabe: 2026 - Weidle Verlag als Imprint des Wallstein Verlags, Göttingen
finn. Originalausgabe: 2023 - Werner Söderström Ltd (WSOY), Helsinki
Titel der finnischsprachigen Originalausgabe: "Toiviokoski"
aus dem Finnischen von Stefan Moster
»Vilho nahm Elsas Hand, als sie die Stufen am Zug hinunterstieg. Ringsum lag der Gestank der Fabrik. Er stach nicht in der Nase wie Katzenurin, sondern war eklig wie süßliche Hundepisse. Sie eilten zum Güterwaggon. Der Schaffner, der in der Tür stand, merkte, dass sie wegen des Geruchs das Gesicht verzogen, und sagte:
"Das ist die Hoffnung, die so riecht. Ihr hattet drei Koffer und vier Kartons?"
"Genau, unser ganzes Hab und Gut", sagte Vilho.«
(Mooses Mentula / Stefan Moster | Die Fabrik | Seite 27)

Im Nachkriegsfinnland der 1940er Jahre versucht ein junges Paar, Vilho und Elsa, ein neues Leben aufzubauen. Sie kommen vom Land, stammen aus ärmlichen Verhältnissen und ziehen in eine Ortschaft, die um eine Papierfabrik herum gebaut worden ist: Toiviokoski, eine Art finnisches Wolfsburg. Auf der Suche nach Wohlstand und einem besseren Leben wird jedem, der arbeitsfähig ist, die Chance auf Erfolg versprochen. Vilho hat das dringende Bedürfnis zu beweisen, dass er trotz seiner Behinderung in der Lage ist, eine Familie zu versorgen. Er wurde im Krieg körperlich und seelisch verletzt, verlor eine Hand, und die Schrecken des Krieges kehren in seinen Träumen zurück und verfolgen ihn auch im Wachzustand. Seine Verletzungen behandelt er mit Herointabletten, ebenfalls Spuren, die der Krieg hinterlassen hat.

In der Fabrikstadt bekommt das Paar eine Wohnung in dem Bereich, in dem die Arbeiter wohnen. Vilhos erster Arbeitsplatz ist für Einhändige eigentlich kaum durchführbar: Er arbeitet mit seiner primitiven Handprothese als Heber, der die beim Flößen durchnässten und schweren Baumstämme mit einer Greifzange ans Ufer befördert. Vilho gibt nicht auf, obwohl sein Armstumpf immer mehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Arbeit überfordert ihn. Stolz, Trotz und die Sucht nach seinen Medikamenten ziehen ihn in eine Abwärtsspirale. Elsa versucht, ihn zu unterstützen und zu ermutigen. Sie selbst hat keine Möglichkeit, in der Fabrik zu arbeiten, da der Grundsatz gilt, dass verheiratete Frauen nicht in der Fabrik arbeiten dürfen. Eine verrückte Konstellation, die gut die Position der Frauen in der Gesellschaft zu dieser Zeit beschreibt: Während des Krieges haben die Frauen die Arbeit gemacht, aber nach dem Krieg, als die Männer zurückkamen, wurden sie wieder zurückgedrängt. Es gab zur damaligen Zeit in Finnland eine Art von Propaganda, die den Frauen die Botschaft vermittelte, dass eine Frau, die zuhause einen Invaliden pflegt, gute Arbeit leistet.

Obwohl Vilho keine höhere Schule besuchen durfte und gerne eine bessere Ausbildung genossen hätte, hat er viel gelesen und er ist ein talentierter Schreiber. Auf Anregung seines Nachbarn Esko, Vorsitzender der Gewerkschaftsabteilung, bewirbt er sich als Redakteur für die Mitarbeiterzeitung der Fabrik. Esko begründet seinen Vorschlag damit, dass auch die Stimme der Arbeiter in der Zeitung zu hören sein müsse. Vilho erhält die Stelle und wird durch den Aufstieg aus der Schwerstarbeit gerettet. Auch in sozialer Hinsicht verbessern sich Vilho und Elsa, die inzwischen Eltern geworden sind und im Wohnviertel der Angestellten wohnen. Doch Vilho muss lernen, dass der Aufstieg in den Kreis der Angestellten nicht ohne Probleme verläuft. Ehemalige Kollegen schauen auf ihn herab und machen sich lustig, das Verhältnis zu seinem Freund Esko wird immer angespannter – insbesondere dadurch, dass in der Zeitung keine kritischen Standpunkte oder Beiträge geduldet werden, die den Ansichten des Fabrikeigentümers zuwiderlaufen. Doch auch unter den "Herren" fühlt sich Vilho nicht wirklich zu Hause und die Beziehung zu Elsa gerät in eine Krise…

Bislang sind von Mooses Mentula ein Erzählband und vier Romane in Finnand erschienen, Die Fabrik ist jedoch der erste Roman, in dem der Autor einen historischen Stoff aufgegriffen hat – und auch dieses Genre meistert er souverän. Dieser Roman erzählt unwahrscheinlich konkret, man ist bis die Einzelheiten dicht dran an den Personen und man bekommt ein Gespür für die damaligen Lebensumstände. Mentula zeichnet glaubwürdige Charakterporträts und hat sich intensiv mit der Epoche und dem Umfeld einer Papierfabrik auseinandergesetzt. Er reiste durch Städte wie Kuusankoski, Myllykoski oder Valkeakoski, in denen solche Fabriken schon zu damaliger Zeit existierten, befragte Leute, las aus den Archiven dieser Fabriken Personalzeitschriften, Tagebücher oder Briefwechsel von den Menschen, die dort arbeiteten. Mit diesen Informationen erschuf er für seine Geschichte die fiktive Papierfabrikstadt Toiviokoski, wobei er es vermieden hat, die Geschichte von Toiviokoski mit realen Fabrikstandorten zu verbinden. Finnlandkundige Leser werden aber sicherlich Verbindungen herstellen können, wie z.B. zwischen dem fiktiven Fußballklub Wacker Toiviokoski im Roman sowie dem finnischen Zweitligisten Haka Valkeakoski oder dem viertklassigen Verein Myllykosken Pallo 47 (ehemals MyPa Anjalankoski).

Recherche ist jedoch nur eine Sache, Mentula schafft es zusätzlich mit einer empathischen Art, sich in die Personen hineinzuleben, über die er schreibt. Für die Rolle des einhändigen Vilho ist er auf eine Insel gefahren, auf der es weder fließendes Wasser noch Strom gab, hat sich die linke Hand auf den Rücken gebunden und versucht, die täglichen Verrichtungen durchzuführen, um ein Gefühl für die Figur zu bekommen.

Mentula verwebt gekonnt verschiedene Zeitebenen und die Geschichte gleitet fließend zwischen Gegenwart und Rückblenden hin und her. Die Geschichte von Vilho und Elsa ist eine glaubwürdige Schilderung der Zeit des Wiederaufbaus im Finnland der Nachkriegszeit, zu der neben den Albträumen der Vergangenheit auch Hoffnung, Wille und Beharrlichkeit gehörten, um nach einer besseren Zukunft zu streben. Zwar rückt die Figur der Elsas etwas in den Hintergrund, da es sich bei diesem Buch um Vilhos Geschichte handelt, jedoch soll es angeblich einen zweiten Teil geben, der sich dann mit Elsas Perspektive befasst. Das Ende des Romans deutet jedenfalls auf eine Fortsetzung hin. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die Geschichten im Rahmen wahrer historischer Hintergründe mögen – natürlich auch für alle anderen!

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